junge welt/ fünf wochen psychiatrie….

„Christian Ditsch/Version

Freitag, 12.49 Uhr. Die Tür zur Station in der Psychiatrie schließt sich. Es sollte ein Schritt aus dem Albtraum »da draußen« werden. Über acht Wochen verzweifeltes Ringen um etwas, das doch vor Monaten schon längst verloren war, was ich aber nicht erkannt habe, sind vorbei.

Aufnahme auf der Station. Größe, Gewicht, Allergien. Kontaktperson »draußen«? Ist da »draußen« überhaupt noch wer? Der beste Freund muß herhalten. »Hier ist Ihr Zimmer, da Ihr Bett, hier Ihr Schrank. Dort Toiletten, Dusche, Aufenthaltsraum, Patientenküche, Arztzimmer. Montag bis Freitag ist Wecken um 7.00, Mittagessen um 12.00, Abendessen um 18.00, Abendrunde um 20.15, Bettruhe ab 22.00 Uhr.« Stationsführung im zweiminütigen Schnelldurchlauf. Kann mir kaum etwas merken.

Stehe vor meinem Bett und starre den Schrank an. Links liegen vier Koffer auf einem Bett, rechts schläft jemand. O.k., dann mal auf in ein neues Leben. Die Stationsschwester tritt ins Zimmer: »Kommen Sie bitte zum Arzt«. »O.k.«, denke ich, die Hilfe beginnt. Zehn Minuten reden über das Wie und Warum der Vorgeschichte, welche Medikamente bislang genommen wurden. »Wir stellen einen Therapieplan für Sie zusammen, und dann wird es Ihnen bald besser gehen.« Das war’s.

Zwei Tage passiert dann nichts. Es ist Wochenende. Tabletten gibt’s, und gut ist.

Montag. »Die Therapien für Sie müssen wir noch festlegen, morgen geht es los.« O.k., also weiter warten. Auf das Mittagessen, es ist totgekocht. Darauf, daß der Tag vorbeigeht. Auf das Abendessen. Auf die Tabletten. Im Kopf rast ein Gedankenstrudel mit Bildern aus meinem Albtraum in einem wahnwitzigen Tempo. Lähmt mich. Habe Angst vor den Tagen, weil ich da nicht aus dem Albtraum rauskomme, die Bilder da sind. Habe Angst vor den Nächten, weil die Bilder mich nicht schlafen lassen – seit über acht Wochen.

20.15 Uhr, Abendrunde. 26 Menschen sitzen im Kreis, sollen erzählen, wie es ihnen geht. Ist das Teil der Therapie? Kein Therapeut da. Die Stationsschwester notiert, was gesagt wird. Wer am kommenden Tag entlassen wird, wird beklatscht. Wer eine Rechnung mit anderen Pa­tienten offen hat, kotzt sich aus. Ich warte ab, höre mir alles an, sage nichts. Danach Anstehen für die Tabletten. Es gibt Antidepressiva in allen Farben und Formen. Lithium, Mirtazapin, Seroquel und als Spitzenreiter Lorazepam – auch Tavor genannt. Tavor sediert binnen weniger Minuten und macht extrem abhängig. Davon werden in Deutschland pro Jahr etwa eine Million Packungen verabreicht. Das dürften also zwölf Millionen Tabletten sein, die da geschluckt werden.

Der Therapieplan ist fertig. Fünf Tage nach meiner Selbsteinlieferung. Viermal Sporttherapie für je 20 Minuten, zweimal Depressionsgruppe und viermal Ergotherapie. In der Woche. Die Sporttherapeutin hechelt ihre Übungsabläufe durch, als wäre sie auf der Flucht. Einige Patienten sind mit Tabletten so vollgepumpt, daß sie nicht mitkommen. Sie haben nicht den Hauch einer ­Chance, die Übungen richtig durchzuführen. 20 Therapieminuten sind oft nach 15 Realminuten vorbei. Freitags auch nach zehn. In der Ergotherapie darf ich zwischen 20 und 40 Minuten etwas malen oder basteln. Als ich nach fünfeinhalb Wochen gehe, stapeln sich auf den Schränken der Werkstatt zuhauf nie vollendete Bastkörbe, in den Töpferregalen unfertige Werkstücke längst entlassener Patienten. Die Depressionsgruppe ist immerhin auf eine Stunde angesetzt. Wenn sie denn stattfindet, beginnt sie generell 15 Minuten zu spät. Jedes Mal der gleiche einleitende Satz: »Bitte verstehen Sie es nicht als Mißachtung vor Ihnen als Patienten, aber ich hatte noch ein wichtiges Gespräch«. Es folgt die immer wiederkehrende Vorstellungsrunde mit den begleitenden Worten: »Wir können hier prinzipiell über alles reden.« Die Hälfte der Therapiestunde ist danach um. Täglich grüßt mich das Murmeltier.

14 Tage rum, Chefarztvisite steht an. Um den Halbgott in Weiß sitzen buckelnde Stationsschwestern und Stationsärzte. Er hat nach 90 Sekunden Erklärung meiner Probleme durch den Stationsarzt und vier Minuten 30 Sekunden Verhör meiner Person – keine Antwort darf länger als zwei Sätze sein! – die komplette Diagnose und die angemessene Therapie. »Sie wollen zuviel auf einmal. Sie müssen einfach ruhiger werden.« O.k. Danke für den Tip. Die Stationsärztin meinte am Vortag noch, ich solle mir draußen »schnellstmöglich eine Struktur aufbauen«, damit ich wieder arbeiten kann. Aber sie ist nur Stationsärztin und hat für die Diagnose und Therapie neun Minuten gebraucht.

Dergestalt verwaltet und »betreut« ziehen sich die Tage zäh dahin. Wer nicht in der Lage ist, sich »draußen« etwas zu organisieren– Therapeutin, eine Klinik, die tatsächlich behandelt, Tagesklinik oder eine ambulante Therapie – frißt so lange Tabletten und totes Essen, bis man nach Meinung des Halbgottes wieder »raus« kann. Das dauert bei manchen Patienten 17 Wochen und mehr. Für andere ist die Station mittlerweile eine Ersatzfamilie. Sie kommen bis zu drei Mal im Jahr.

Mir hat es nach über fünf Wochen gereicht. Ich habe eine Klinik gefunden, in der geholfen und nicht verwahrt wird, in der die Menschen als Menschen im Vordergrund stehen und nicht, daß sie wieder »funktionieren«. Andere waren schneller und haben sich bereits nach fünf Tagen wieder selbst entlassen. Diesen Mut hatte ich nicht. Mein Albtraum hat mich daran gehindert. Ob ich ihn jetzt in den Griff bekomme, wird die Zeit zeigen. Die Bilder aus meinem Albtraum sind noch immer da.“

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Über attalan

ich liebe die berge,meinen hund,fahrrad...ist leider vorbei-jetzt liebe ich meinen e-rolli :)....,internet,meine freunde,bücher und musik- vorwiegend klassisch, piano.....malerei, die kunst überhaupt und frankreich.......und ich bin islamkritisch.
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2 Antworten zu junge welt/ fünf wochen psychiatrie….

  1. Winston Smith schreibt:

    Das stemmt aus der Jungen Welt, nicht aus der Jungen Freiheit. Also genau aus dem anderen Ende des politischen Spektrums.

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